Leipziger Allerlei oder: Eine Frau im Wollrausch

Es war ja schon vorher klar: Man darf mich einfach nicht unbeaufsichtigt in einen Raum lassen, wo es Wolle zu kaufen gibt. Und beim Wollefest Leipzig kommt erschwerend hinzu, dass das ein seeehr großer Raum ist:


Außer dem obligatorischen Hallenbild habe ich allerdings keinerlei Fotos gemacht. Gar nicht dran gedacht, weil ich viel zu beschäftigt damit war, Garne zu bestaunen, anzufassen zu streicheln, begehrlich zu umkreisen und - natürlich - auch einzukaufen.

Aber der Reihe nach. Angekommen bin ich am Freitagnachmittag und nachdem ich das Gepäck im Hotel abgeliefert hatte, habe ich erst mal einen ausgiebigen Stadtbummel gemacht. In einem anderen Leben (vor rund 15 Jahren) habe ich hier ja mal für eineinhalb Jahre gelebt und gearbeitet und die Stadt ist mir ans Herz gewachsen wie sonst kein Ort auf dieser Welt. Auch wenn mittlerweile der Kommerz in Gestalt von Starbucks und Konsorten das Stadtbild fest im Griff hat und die allgegenwärtigen Leuchtreklamen von den schönen Häusern ablenken, ist ein Rest der Magie immer noch spürbar.

Ein paar unveränderte Konstanten gab es auf dem Nostalgietrip dann doch noch. Zum einen dieser Laden, der ausschließlich Single Malt Whisky verkauft (da durfte natürlich ein Fläschchen mit) und zum anderen die Stoff-Galerie (passenderweise im Gewandgässchen angesiedelt). Die führt zwar, wie der Name schon vermuten lässt, überwiegend Zeug, welches das Näherinnerinenherz höher schlagen lässt, bietet im Keller aber auch einer kleinen Garnauswahl Asyl (hauptsächlich Bewährtes von den bekannten Marktführern). Und, was soll ich sagen, ich konnte die 15 Stunden bis zur Eröffnung des Wollmarkts nicht mehr abwarten und habe tatsächlich ein paar Knäuel Solo Lino mitgenommen. Die sind streng zweckgebunden und werden sofort nächste Woche angestrickt, wenn der Fadenstille Streifen-KAL beginnt. Nachdem der Sommer-Pulli vom letzten Jahr sich so gut bewährt hat, war das eine naheliegende Wahl.


Dann wurde es nach einer kurzen Nacht aber endlich ernst. Zur Einstimmung bot Leipzig einen prächtigen morgendlichen Schneeschauer. Aber nicht nur deshalb traf man bereits an der Straßenbahn eine größere Menge Frauen mit buntem, wolligen Halsschmuck an. Die Prozession bewegte sich zügig zum und dann auch in den Glaspalast. Aus dem letzten Jahr waren ja Horrorstories von langen Wartezeiten in der Kälte überliefert. Dieses Jahr lief alles wie am Schnürchen.

Und dann ... das Paradies! Die ersten 20 Minuten dachte ich noch: Ärgerlich viel Stoff zwischen den Wollständen. Nach einer Stunde dann allerdings vermehrt: Zum Glück sind da auch noch die uninteressanten Stoffstände, sonst würde man ja völlig überwältigt. Ziemlich bald wechselten die ersten Stränge den Besitzer. Beim Einkauf versuchte ich, mich an meine strengen Restriktionen zu halten. (Nein, nein, keine finanziellen Einschränkungen. Ich betrachte das hier als meinen Jahresurlaub ...). Die lauteten: Bunte Stränge mal eher liegen zu lassen, weil es immer so problematisch ist, sie tatsächlich zu verarbeiten. Und nicht automatisch alles einzusacken, was grün oder türkis/petrol ist. Den größten Teil des Nachmittags hatte ich bei meinem beschwerlichen Weg reizende Begleitung von Susanne D. und Herrn Strickmirwas, der auch die Tasche trug, die sich stetig füllte. Die nächtliche Bestandsaufnahme auf dem Hotelbett sah dann so aus:


Wie man sieht, hat das mit der Grün-Abstinenz beinahe geklappt, nur bei Fiberpassion wurde ich schwach. Ist aber auch kein Wunder, oder?


Dafür sehe ich ungewöhnlich viel braun in meiner unmittelbaren Zukunft. Ich hoffe, das gilt nur fürs Gestrick und nicht für die politische Landschaft ... Besonders angetan hat es mir die herbstliche Melange von inclusio.
Und das Sandelholz von Dibadu:

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Mein absolutes optisches Highlight des Wollefests war der Stand von Bärbel Salet. Ich hätte da zwei Stunden stehen und einfach nur schauen können auf die Meisterwerke im opulenten Farbrausch. Und nein, ich haber vor lauter Verzückung kein Foto gemacht. Da ich weiß, dass Jacquardmuster und ich in diesem Leben keine Freunde mehr werden, blieb ich realistisch und hab kein Wollpaket für einen der grandiosen Mäntel gekauft. Nur zwei kleine Mini-Päckchen, denn zu Stulpen kann ich mich gelegentlich durchringen.


Zu Beginn von Tag 2 dachte ich eigentlich, dass mir nur noch ein paar Mini-Singles in der Sammlung fehlen würden. Die fand ich dann auch, aber noch so einiges mehr, denn am Sonntag war die Besucherdichte wesentlich geringer und man konnte in aller Ruhe jeden einzelnen Stand noch einmal genauer unter die Lupe nehmen. Wie das ausging, könnt Ihr Euch ja denken ... Bei Coonie's musste ich sogar noch einmal eine Ausnahme von der Grün-Abstinenz machen.


Das Hauptereignis des Tages war aber, dass ich endlich Frau Fadenkram persönlich treffen konnte. Dass wir uns verstehen würden, war aufgrund des regen E-Mail-Austauschs ohnehin klar. Und die gemeinsame Entdeckungsreise machte dann auch großen Spaß. Ihr verdanke ich auch einen weiteren Zuwachs. Ich dachte nämlich, dass ich beim polnischen Anbieter 7oczek am Vortag schon alles Brauchbare abgeräumt hätte. Aber als Regina dann eine Kombination in Händen hielt und wieder zurückhängen wollte, weil ihr was anderes besser gefiel, musste ich doch einschreiten und den beiden Strängen eine neue Heimat geben. Guckt mal, das schreit doch nach zweifarbigem Brioche, oder?


Am späten Nachmittag trat ich dann ermattet und mit Blasen an den Füßen die Heimreise an. Von der Kälte in der Halle, über die sich alle beklagten, habe ich allerdings nichts gemerkt. Wahrscheinlich hat das Wollfieber für eine erhöhte Betriebstemperatur gesorgt. Und natürlich die übergroßen Tücher, in die ich mich an beiden Tagen vorsorglich gehüllt hatte. Fürs Kontrastprogramm gab's auch eine Menge interessierte Nachfragen.

Und hier noch mal der geballte Wahnsinn im Überblick. So nach und nach werdet Ihr die wohl alle näher kennenlernen.


Obwohl es schon heftig in den Fingern juckt, will das alles aber erst einmal gewickelt werden. Und dann sind da ja auch noch die WiPs, die dafür gesorgt haben, dass die Kiste kurzzeitig leer wurde ...


Eines ist aber jetzt schon klar: Da muss ich nächstes Jahr wieder hin!!




P.S. Nur damit es wieder einmal gesagt ist: Hier ist nix Werbung. Alles selbst gekauft und mehr oder weniger teuer bezahlt. Sollte ich einige Hersteller lobend hervorheben, so gibt das ausschließlich meine persönliche Meinung wieder und intendiert in keiner Weise, zum Kauf anzuregen. Und ich verlinke, damit Ihr Euch ein Bild machen könnt, von wem ich spreche, nicht damit ihr dort Geld ausgebt.


Kommentare

  1. Schlechtes Gewissen oder sowas wäre völlig fehl am Platze, es sind ausnahmslos wunderschöne Garne in Deiner Tasche gelandet. Wie ich Dich kenne, werden daraus auch ebenso wunderschöne Strickereien entstehen. Außerdem muss sich die lange Reise schließlich auch lohnen, es ist ja ein ganzes Jahr hin bis zum nächsten Wollefest...

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    1. Schlechtes Gewissen oder sowas habe ich schon lange abgestellt. Der Wollkram ist nun mal meine große Leidenschaft, und solange ich dafür keinen Kredit aufnehmen muss, ist alles im grünen Bereich.

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  2. So eine schöne Ausbeute! Und ich bin mir sicher ,meine Ausbeute wäre nicht kleiner gewesen. Da weiß ich nun nicht, ob ich traurig sein soll dass ich nicht hinfahren konnte ,oder froh, weil mein Vorrat eh schon groß genug ist . Jedenfalls werde ich mit großer Neugier verfolgen was aus deiner Beute wird

    LG

    Sylvia

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    1. Das ist auch ein Grund, warum ich Wollfeste gewöhnlich meide. Der Blick auf die hier wohnenden Kisten genügt normalerweise, um mich davon abzuhalten. Aber diesmal hatte ich einfach große Lust und bereue es kein bisschen! Es ist ja auch schön, in einem Raum mit lauter anderen Strickverrückten zu sein.

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  3. Wie ein Kind im Süßwarenladen! Aber ohne Karies und Kalorien! Bei dir ist die Wolle in guten Händen und ich bin gespannt auf die Projekte!
    LG Monika

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    1. Das ist wirklich ein ziemlich treffender Vergleich! Und ja, ich finde auch, ein besseres Zuhause hätten sie gar nicht finden können ;).

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  4. Wie im Paradies oder? ;)))
    und obwohl ich ja selbst spinne und färbe...... ich glaub, da hätte ich auch nicht widerstehen können.
    Ich weiß jetzt nicht wirklich ob ich Glück oder Pech hatte damit....nicht dort zu sein : D
    Wunderbare WollSchätzlein hast du erstanden.
    Viel Freude damit.
    Ein Grüßle sendet dir
    Flo

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    1. Auf jeden Fall hast Du wahrscheinlich ordentlich Geld gespart ... Aber als Selbstversorgerin wärst Du wahrscheinlich auch nicht so maßlos wie ich gewesen. Obwohl: Kammzüge gab's da auch ...
      Liebe Grüße,
      Ute

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