Eine fast unendliche Geschichte



Es war einmal... ein Farbverlaufgarn, das mich, wie so viele seiner heimtückischen Kollegen, unmittelbar in seinen Bann zog, als es in ordentliche Knäuel gewickelt vor mir lag. Es war ein Frühling (ca. anno 2005), also die Jahreszeit, in der ich für Grüntöne besonders empfänglich bin. Der ursprüngliche Plan war ein glatt rechts gestrickter, kurzärmeliger Pullover mit einem Wellenmuster aus Fallmaschen am Bund und an den Ärmeln.


Ich hatte auch relativ zügig Vorder- und Rückteil sowie einen Ärmel fertig. Aber ich war zunehmend unzufrieden mit der Anordnung der Farben im verstrickten Zustand. Die Farben an sich mochte ich immer noch, aber der Gesamteindruck erinnerte mich eher an Bundeswehrtarnkleidung - eine Outfit-Option, die auf meiner persönlichen Wunschliste tendenziell im unteren Bereich angesiedelt ist.

Logische Folge: Das Teil blieb erst mal liegen. Und liegen. Dann rutschte es im Strickkorb immer weiter nach unten. Irgendwann verschwand es in einer Tüte und die Tüte aus dem Gedächtnis.

Die Jahre gingen ins Land und mein Haupthaar begann zu ergrauen. Irgendwann im letzten Jahr fiel mir beim Aufräumen diese Tüte wieder in die Hände und die Gefühlslage war noch die gleiche: Schöne Wolle, ätzendes Endprodukt. Also raffte ich mich zu etwas auf, was ich äußerst selten tue, wenn etwas so weit fortgeschritten ist: Ich trennte das Machwerk auf. Und das, obwohl die fertigen Teile sogar schon zusammengenäht waren. (Irgendwie hatte ich damals gehofft, dass es angezogen besser aussehen könnte, als am Teilstück.)

Dann passierte erst mal gar nichts, außer dass ich in regelmäßigen Abständen auf die nun abgewickelten Knäuel starrte, ohne dass sich irgendeine Art von Inspiration einstellte. Ich hatte außerdem 700g von dem Zeug, also zu viel für einen Schal oder ein Tuch. Andererseits wusste ich ja schon, dass etwas Großflächigeres diese unschönen Streifen nach sich ziehen würde.

Schließlich hatte ich letzten Herbst einen Gedankenblitz: Ich wollte nämlich schon länger das Grundprinzip der Ten Stitch Blanket ausprobieren, allerdings hatte ich keinerlei Bedarf für eine Decke, schon gar nicht für eine quadratische. Ohne genau zu wissen, wie das enden sollte, legte ich einfach mal los, mit der vagen Idee im Hinterkopf, dass man ja vielleicht aus zwei Quadraten einen Poncho oder Ähnliches machen könnte.


Relativ schnell zeigte sich, dass der Farbverlauf sich auf diese Weise tatsächlich deutlich befriedigender darbot.Das Stricken selbst allerdings verlief zäher als erwartet. Man kann nicht, wie sonst bei rechten Maschen die Hände nebenbei arbeiten lassen, während man sich einer schönen DVD widmet, weil man ständig wenden und dabei die Reihen verbinden muss. Daher blieb das Projekt, nachdem die Anfangseuphorie verflogen war, wiederum liegen.

Im Laufe des Winters stellte sich dann die endgültige Erleuchtung ein, in Gestalt des Scaffold Square: Ein Quadrat mit Knöpfen und Knopflöchern an jeder Seite, das vielfältige Styling-Varianten zulässt (und das in seiner ursprünglichen Form mit leichterer Wolle auch noch einmal eine reizvolle Herarusforderung wäre). Jetzt hatte ich nur noch zwei Probleme: Erstens war abzusehen, dass die Wolle für ein Quadrat dieser Größe nicht ausreichen würde und zweitens waren die Fortschritte mit wachsender Seitenlänge minimal. Problem Nr. 1 war leichter zu lösen; mittlerweile dürftet Ihr ja schon gemerkt haben, dass bei mir jede Menge Wollreste zur Untermiete wohnen, da waren natürlich auch welche dabei, die ins Farbspektrum passten. (Ärgerlicher Nebeneffekt allerdings: Es gab jede Menge Fäden zu vernähen!)



Problem Nr. 2 ließ sich durch gelegentliche Anfälle von Selbstdisziplin allmählich bewältigen, und weil die Neugier auf das Endprodukt sozusagen im Quadrat wuchs...

Am letzten Wochenende war es dann endlich soweit. Zum Schluss war ich sogar noch vom Glück begünstigt: Die letzte Runde wollte ich nämlich in einer Unifarbe stricken und der dafür vorgesehene Rest hat exakt gereicht. Genau so viel blieb übrig:


Knöpfe angenäht, gewaschen, gespannt, und voilà: So sieht das Endprodukt aus (Kantenlänge ca. 1,30 m, Diagonale 1,80 m)



Und die Stylingmöglichleiten sind wirklich unerschöpflich. Man kann es, je nachdem  ob man gerade oder diagonal zusammenknöpft, als Schal, Poncho, Cape oder Jacke verwenden und natürlich einmal gefaltet auch als Dreieckstuch.


Im Augenblick bin ich überwiegend damit beschäftigt, verschiedene Zusammenknöpfvarianten auszuprobieren. Und kann euphorisch vermelden: Die Geschichte hat ein Happy End.

Und die Moral von der Geschicht': Werft niemals irgendwelche Wollreste weg. Aber das muss ich Euch wahrscheinlich ohnehin nicht sagen ;)




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